Das Baby schreit? Nicht ohne meinen Gymnastikball!

Meine Mutter sagte während meiner Schwangerschaft immer: „Du wirst später noch ein zweites Kind wollen, weil du die anstrengenden Zeiten mit dem Baby vergessen wirst.“ Fand ich erst einmal okay, diese Aussage. Und dann waren da plötzlich die anstrengenden Zeiten, von denen meine Mama sprach. Und ich weiß noch, dass ich mich wirklich sehr oft gefragt habe, ob das jemals ein Ende nehmen würde. Aber ich erinnere mich gar nicht mehr im Detail daran. Offenbar hat die Ich bin Deine Mutter-Mutter also Recht.

Trotzdem weiß ich ganz genau, dass ich diese Zeit nicht ohne das absolute Heiligtum schlechthin überstanden hätte. Rund geformt, grässlich glänzend, wunderbar hüpfend – der Gymnastikbal, in Fachkreisen ganz locker Pezziball genannt. Was hätte ich bloß ohne das Teil gemacht?
Viele Frauen sind Mütter der besonderen Art Kind, welches nur ab und an ein bisschen meckert, einem nur minimal den Schlaf raubt und irgendwann selig auf Muttis Arm oder sogar allein im Bettchen einschläft. Möglicherweise haben jene Mütter ganz viel Yoga in der Schwangerschaft gemacht und tragen den Zen in sich, was ich toll finde, versteht mich nicht falsch. Mein Kind hat sich offenbar den Stress angenommen, den ich mir grundsätzlich 90 Prozent des Tages mache. Und daran arbeite ich, versprochen.

Ich habe mein Kind die ersten drei bis fünf Monate hauptsächlich auf dem Pezziball durch die Wohnung gehüpft. Hops, hops, hops! Der Pezziball kam meist dann zum Einsatz, wenn meine affengeilen Michael Jackson-Dancemoves nicht mehr geholfen haben. Poah, was habe ich getanzt! Da wundert es mich dann doch, dass ich immer noch diesen After-Baby-Schwabbeldiwabbel-Body nach der Entbindung habe. Da war das Getanze dann immerhin der halbe Ersatz für den nie gemachte Rückbildungskurs.

Kennst du das? Dein Baby schreit. Du schaukelst es eine Weile, es entspannt sich nicht. Möglicherweise will es schlafen. Oder trinken. Oder hat Koliken. Oder hat einfach nur Kacklaune. Die habe ich ja auch des Öfteren. Wir stellen fest: Schaukeln hilft gerade nicht. Ab mit dem Baby auf Papas Arm. Das Geschrei wird lauter. „Es will gerade nicht zu mir.“ „Doch, doch, schaukel’ es, du musst es schaukeln!“ Irgendwann schreit dein Baby so lange, dass der automatische Mutterreflex einschaltet und du nicht mehr ertragen kannst, dass es nicht auf deinem Arm ist. Also nimmst du es wieder. Obwohl du total müde bist. Schaukeln, schaukeln, zwischendurch doch noch ein paar Michael Jackson-Dancemoves. Vielleicht bringen die es ja doch.

Nichts hilft. Und da schimmert es dann. Das lila Teil in der Ecke, was du dir irgendwann einmal gekauft hast, weil du vor circa Zehn Jahren mal gelesen hast, dass es super gesund für den Rücken ist. Der heilige Pezziball. Den du damals maximal vier Wochen intensiv genutzt hast. Danach warst du genervt, weil dir der Rücken davon erst recht weh getan hat und du dich nie anlehnen konntest. Zehn Jahre lang hast du diesen Ball dann einfach nur von A nach B gerollt, weil er immer irgendwie im Weg war.

Zurück ins Szenario. Achtung: Baby schreit immer noch! Du kannst nicht mehr. Rauf auf den Ball. Hops, hops, hops, hops. Es wird ruhiger. Bei Gott, wehe, wenn jetzt jemand an der Tür klingelt oder dein Mann Krach macht. Du wirst ihn umbringen, obwohl du ihn liebst. Hops, hops, hops. Das Baby wird ruhiger. Du wirst ruhiger. Dein Baby merkt, dass du weniger hopst. WIE KANNST DU NUR? Schnell weiter hopsen. Hopse gefälligst um dein Leben! Und dein Baby ganz nah an dich kuscheln, damit es sich wie im Mutterleib fühlt.
Nach rund 20 bis 30 Minuten schläft es endlich. Am besten einfach nicht mehr atmen. Sonst weckst du es nur auf. Atmen ist ja generell überbewertet. Oder atme es einfach ganz stark an. Dann fühlt es sich vielleicht umso mehr in den Mutterleib zurückversetzt. Atme. Atme!

Was soll ich sagen? So sah das in den ersten Monaten bei mir aus. Teilweise habe ich mein Baby dann auch in die Babytrage geschnallt und es auf dem Ball gehopst. 
Und weil mir dann doch häufig der untere Rücken drohte einzuschlafen, habe ich mein Kind dann ins Bett gelegt. Und dort schlief es. Selig. Ruhig. Zufrieden. Endlich. So ein kleines zartes Wesen. Und kurze Zeit später war es wieder wach. Und dann? Alles auf Anfang.

Klingt scheiße, war es manchmal und sehr oft auch, aber du vergisst diese Zeit wirklich. Ich habe sie vergessen. Oder ist es bei dir etwa anders? Ich muss schon ordentlich in meinem Stilldemenz-geplagten Gehirn suchen, um ein paar Bilder von damals hervor zu holen. Woran ich mich tatsächlich erinnere ist: Liebe. Mutter liebt Baby. Bedingungslos. Und alles andere war und ist egal. Dafür hopse ich mich auch dumm und dämlich.

Und was bleibt am Ende? Die Frage, wieso in drei Gottes Namen eigentlich niemand im mich in den Arm eingekuschelt durch die Gegend hopst. Ernsthaft. Auch die Mutter könnte das mal gebrauchen. (Nein, dies ist kein Wink mit dem Zaunpfahl an meinen Ehemann. Wirklich nicht. Scherz.)

In diesem Sinne,
du kannst das!

Deine Mutter

 

 


Headerfoto: Marie L.