Von schlechter Laune und Kacktagen

Ich gehe gern mit meinem Kind spazieren. Frische Luft, manchmal Sonne und dazu das Gefühl nicht der absolut unsportlichste Mensch der Welt zu sein. Ach so: Und dem Kind tut es auch noch ganz gut.

Grundsätzlich bin ich nicht der kommunikationsfreudigste Mensch auf diesem Planeten, auch wenn ich ganz anders wirken mag. Aber seitdem ich Mutter geworden bin, fühle ich mich richtig gut. So gut, dass ich beim Spazieren gehen gerne Menschen grüße. Früher empfand ich so etwas als völlig absurd. Einfach so mir unbekannte Menschen ansprechen, auch, wenn es nur ein „Hallo“ war. Mit dem Muttersein kommen eben neue Verhaltensweisen dazu.

Und so ziehe ich täglich mich und mein Kalb an und stapfe frohen Mutes nach draußen in die Welt. Meist nicht lange, weil mein Kind häufig schon nach kurzer Zeit der Meinung ist so richtige Kacklaune im Kinderwagen zu bekommen. Jedes andere Baby hat eine schöne Kinderwagenkette oder ein ähnliches Spielzeug oder erfreut sich einfach an den Dingen, die es sieht. Meines sagt nach 30 Minuten: „Mutter, ich hab’ kein Bock mehr. Jetzt. Hier. Sofort.“ Ende der Ansage. Anfang von richtig fiesem Gepöbel. Aber ich schweife gerade ab.

Mein Baby und ich – wir spazieren. Und man munkelt, dass auch andere Mütter spazieren. Immer, wenn ich eine andere Mama sehe, denke ich mir „Yo, Schwester im Geiste. Peace!“ und dann möchte ich liebevoll grüßen. Oder zumindest ein müdes Lächeln schenken. Und was ernte ich? Missachtung. Oder gar boshafte Blicke. Mundfaulheit. Krösus. Kennst du diese Momente, wenn eine hochgescheuchte Katze erschrocken beiseite springt? So fühle ich mich in diesen Momenten. Ich möchte am liebsten einen Buckel formen und samt Kind im Kinderwagen beiseite springen, wenn diese Geh-mir-bloß-aus-dem-Weg-Mütter an mir vorbeikommen.
Hat hier nicht neulich einer was von Grusel-Clowns erzählt? Harmlos. Harmlos! Schlecht gelaunte Mütter bei Spaziergängen sind viel schlimmer.

Die Frage, die sich mir dann immer und immer wieder stellt, ist: Was ist diesen Mütter ihr Problem? Fühle ich anders? Fühlen sie anders? Sehe ich vielleicht komisch aus? Wirke ich etwa zu glücklich, sodass es gar abschreckend und Ekel erregend ist? Völlig ausgeschlossen. Ich schlafe kaum. Der Schlafmangel drückt die Wirkung vom Glücklich sein definitiv.

Liebe Muttis, ich bin trotz allem guter Dinge und grüße weiter. Augen zu und durch. Irgendwann wird schon die eine kommen – die eine, die zurückgrüßt und lächelt. Ich habe schließlich noch Hoffnung. Hoffnung ins Muttersein.

Wieso haben Mütter eigentlich keinen speziellen Gruß? Ich sage nur ein Wort: Biker. Biker haben nämlich ihren eigenen Gruß. Wenn Biker sich auf ihren zwei Rädern auf dem Asphalt begegnen, dann wird sich da mal ordentlich einer weggegrüßt. Mütter brauchen das auch. Mal eben lässig mit der Hand wedeln oder so. Das wäre was. Schließlich begegnet man sich hier auch auf Rädern. Auf vier Rädern. (Manchmal auch auf drei.)

Jedenfalls war da neulich dieser Tag. Mein Kind hatte Laune. So richtige – pardon – Kacklaune. Und jetzt denkt sich hier jede Mutter beim Lesen: „Jaja, kenne ich!“ Aber das meine ich nicht. Ich konnte meinem Kind absolut nichts recht machen. Ich habe mich verbogen. Ich habe Essen gekocht. Ich habe gestillt. Ich habe gespielt. Ich habe Handstand mit Spielzeug in den Händen gemacht. Alles war blöd. Mama war blöd.
Mama war mehr als frustriert. An solchen Tagen ist der Moment erreicht, in dem nur noch eines hilft: Raus. Wie aber so ein extrem schlecht gelauntes, tretendes Baby anziehen? Im ersten Moment würde ich einfach sagen: gar nicht. Aber dann ist da ja der Mutterinstinkt, der dir sagt, dass dein Kind den Gefriertod sterben könnte. Und dann versuchst du doch es anzuziehen. Und es kostet dich jegliche Restenergie, die nach einem solchen Kacktag noch übrig ist. Und Schweiß. So viel Schweiß. Du weißt nämlich ganz genau, wenn du zuerst dein Kind und dann dich anziehen würdest, wäre das das absolute Armageddon. Also musst du zuerst dich in jegliche warme Schichten packen. Und dann erst dein Kind.
Du kriechst auf allen Vieren hinter deinem schreienden Zwerg hinterher, um es in den kuscheligen Anzug für draußen zu quetschen. Irgendwann, irgendwie hast du es geschafft. Ohne dem zarten Wesen die Arme zu brechen. Weißt du, was ich meine? Babyjacken und -overalls sind ja grundsätzlich immer so geschnitten, dass ein zappelndes Kind da einfach nicht hereinquetschbar ist. Wer hat so etwas bloß erfunden? Die Hersteller üben doch bestimmt nur an Plastikpuppen. Die sind halt schön regungslos.

Wie auch immer. Mein Kind ist endlich angezogen. Ich habe Popowasser deluxe. Wir können endlich nach draußen. Du erinnerst dich? Heute ist ein absoluter K…-tag. Das ist der Grund, weshalb wir jetzt raus gehen. Kind im Kinderwagen. Mutter am Griff. Los geht die Gurkenfahrt. Nach Zehn Minuten spüre ich, wie die Anspannung endlich weicht. Kein Hinterherrennen, kein zum Affen machen, kein gar nichts. Einfach nur ein zufriedenes Kind im Kinderwagen. Bei mir kommt die Zufriedenheit jedoch nicht an. Denn mir fällt es nicht so leicht wie einem Baby einfach von einem Moment zum anderen umzuschalten. Ich weiß ganz genau, was gerade eben noch in der Wohnung für eine Stimmung war. Und da kommt sie: die Erkenntnis.

Kacktag. Und ich habe Kacklaune. Und da ist mir wirklich absolut egal, ob mir ein süßer Hund an der Leine oder eine nett lächelnde Mama mit Kinderwagen entgegenkommt. Ich schiebe Groll, ich bin erschöpft, ich bin schlecht gelaunt. Mir ist alles egal. Ich laufe einfach nur stur geradeaus und bin erleichtert nicht mehr wie im Affenkäfig durch die Gegend springen zu müssen.
Alles klar, ich verstehe sie endlich. Diese Mütter mit den fiesen Gesichtsausdrücken, die NIE zurückgrüßen. Genau die müssen heute auch so einen ganz üblen Tag erlebt haben. Ich fühle so mit ihnen. Ich bin quasi sie. Wir sind alle eins. „Schwestern im Geiste!“ #MutterBikerGruß

Am Ende meiner Runde ist die Gelassenheit halbwegs zurückgegehrt. Wir sind zurück in der Wohnung. Mein Kind beschließt, dass die Laune von vorhin wieder da ist. Eigentlich müsste ich jetzt den Moment erreicht haben, in dem ich einfach nur noch schallend lachend meinen Kopf gegen die Wand schlage. Tu ich aber nicht. Warum? Weil ich weiß, dass diese Tage nun einmal sind, wie sie sind.
Ich atme tief durch, mutiere wieder zum Affen, der im Handstand mit Spielzeugen jongliert und akzeptiere einfach, dass es auch diese Tage gibt. Und am Abend liege ich erschöpft mit meinem Kind im Bett, freue mich, dass es selig einschläft, küsse liebevoll seine Stirn, bin einfach nur glücklich Mutter sein zu dürfen.

Und selbst wenn eine der Mamas mit Kacktag nie zurücklächelt, grüße ich sie weiterhin herzlich auf der Straße. Denn nur so können Dinge besser werden.

In diesem Sinne,
probier’s mal mit Gemütlichkeit!

Deine Mutter


Beitragsbild: Paraskewi Palaska