Wie ich die erste Nacht ohne Kind überlebte

„Ich möchte diesen Kurs besuchen.“ Ja, das sage ich mir gerade. Tatsache ist jedoch, dass dieser Weiterbildungskurs in einer anderen Stadt stattfindet und über zwei Tage geht. Moment, zwei Tage? Hallo, ich bin Mutter. Ich habe ein Kind. Ich kann nicht einfach irgendwo über Nacht hin fahren und mein Kind zu Hause lassen. Was fällt anderen Menschen eigentlich ein so absolut nicht feinfühlig zu sein? Ganz ehrlich: Das geht nicht.

Lasst mich durch, ich bin Mutter!

Bisher war ich ja immer der Meinung, Mutter zu sein wäre ein Privileg und mir stünden alle Pforten offen. Und außerdem würde sowieso jeder nach meiner Pfeife tanzen. Ich habe schließlich die Frucht unserer Zukunft in mir reifen lassen und ausgetragen. Ich bin eine verdammte Göttin. Behandelt mich gefälligst auch so!

Naja, Spaß beiseite. Das Kind wird irgendwann demnächst bald schon ganze zwei Jahre alt. Vielleicht ist es doch auch mal okay, eine Nacht getrennt zu sein. Eine halbe Nacht haben wir letzten Sommer sogar schon einmal gerockt. Mutter durfte zur Meisterfeier von diesem ominös coolen Fußballverein. Mehr sage ich dazu aber nicht. Top Secret. Du verstehst.

Und was hätte ich davon?

Alles klar. Ich bin deep bei mir. Ich atme. Ich stelle mir vor, wie es sein wird, von meinem Kind getrennt zu sein. Eigentlich erwarte ich irgendwelche Sorgen. Aber nein. Mein erster Gedanke ist: Schlaf. Schlaf! SCHLAF! Ich könnte einfach mal wieder eine ganze Nacht schlafen. Das kenne ich schon gar nicht mehr. Mehr als zweieinhalb Stunden am Stück. Allein deswegen würde ich schon zu dem Kurs, den ich gern absolvieren würde, fahren. Um dort schlafen zu dürfen. Am Ende mache ich den Kurs einfach gar nicht mit, sondern gehe zwei Tage durchschlafen. Oh yes. Ich fühle es. Das wird ziemlich großartig.

Und dann kommt der Brüstekollaps

Aber: Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht ich wäre. Oder so. Natürlich kommen sie. Diese fiesen kleinen Sorgen. „Kann mein Kind überhaupt ohne Mutti schlafen?“ „Wird Vater einen Nervenzusammenbruch über Nacht erleiden?“ „Ich habe doch erst zwei Mal abgepumpt im Leben. Meine Brüste werden sterben. MEINE BRÜSTE!“

Ja, irgendwie sind mein Kind und meine Brüste meine größte Sorge. Und beide auf einem Level. Tut mir leid, ich kann das Kind nicht über meine Boobs stellen. Die Sorge vor einem Milchstau ist zu groß. Als ob die blöde Handpumpe mir mein Leben retten könnte. Ich werde den Milchstautod sterben. Ganz sicher. Und das auch noch ohne meine Familie. Großartig. Ich fahre nicht zu dem Kurs. Vergiss es. Dauerschreiendes Kind, nervlich zerstörter Vater und Brüstekollaps. Drei schlagende Argumente gegen ein Wochenende in einer anderen Stadt.

Gesagt, getan!

Durchatmen, Ohrläppchen kneten, das wird schon alles. Ich zieh das jetzt durch! Bäm. Gesagt, getan.

Dank Kurs bin ich so beschäftigt und abgelenkt, dass ich mir über den kleinen Minimensch und den Papa gar nicht so viele Gedanken mache. Ich vertraue beiden. Da wird so viel Mist gebaut, dass gar keine schlechte Stimmung aufkommen kann. Eine kleine Stimme im Hinterkopf sagt mir, dass meine Gedankenwelt zum Abend bestimmt schlimmer, besorgter sein wird.

Passiert etwa doch noch was Schlimmes?

Und da ist er. Der Abend. Ich bin noch immer sehr beschäftigt. Und mittlerweile sehr erschöpft vom Tag. Es ist 21.00 Uhr. Ich checke die Lage bei Vater und Kind. Alles top. Es wird noch eine Runde Wildsau gespielt. Gute Info für mein Gemüt. Ich beschließe, einfach schlafen zu gehen. Vorher noch ordentlich pumpen. Tim Wiese-Style. Die Milchpumpe macht ihren Dienst. Ich fühle mich zwar nur semi-wohl damit und denke immer noch, dass ich bestimmt gleich irgendwo eine feste Stelle spüren werde, aber meine Müdigkeit siegt.

Schlaf 1 – 0 Mutter

Schlaf. Tiefer, sanfter Schlaf liebkost mich. Nach 6 Stunden klingelt der Wecker. Irgendwas mit 3.00 Uhr morgens. Ich traue meinen Brüsten nicht. Am Ende wache ich auf und habe pralle Ballons, die kurz vor dem Platzen sind. Das Risiko gehe ich nicht ein. Kurzer Check auf dem Handy: Keine psychisch verstörende Nachricht von meinem Mann. Entweder kämpfen die beiden immer noch oder sie schlafen einfach. Mein inneres Ich sagt mir, dass alles gut ist. Ich pumpe. Um 3.00 Uhr. Was würde ich jetzt dafür geben, einfach das Kind an die Glocken zu hängen und seine Arbeit machen zu lassen. Nie empfand ich das Pumpen mehr nerviger als zu dieser Uhrzeit.

Pumpen fertig, Mutter ins Bett, Licht aus. Ich schlafe. Oh, du süßer Schlaf!

Jetzt sind bestimmt meine Brüste kaputt

Morgens als erstes: Brüstecheck! Alles weich. Buttrig, wie immer. Noch immer keine verstörende Nachricht auf meinem Handy. Ich bleibe erstaunlich ruhig. Die Zwei machen das schon. Ich fühle: Ich komme emotional ziemlich gut damit klar schon so viele Stunden „kinderfrei“ zu haben. Geil, gleich mal eine ganze Woche draus machen. Einfach eine Woche schlafen. Der Traum aller Mütter!

Ab nach Hause zum Milchbar-Spezialisten

Nach dem Kurs geht es zurück nach Hause. Natürlich ist die Vorfreude auf den kleinen Lieblingsmenschen groß. Und außerdem ist dann endlich wieder jemand vom Fach an der Milchbar dran. Die kann man ja nicht so verkommen lassen.

Das Wiedersehen: Kind strahlt, Mutter strahlt. Schneller Check zur Seite, ob Vater auch wohlauf ist. Sieht gut aus, der Mann. Mein Kind klebt an mir und freut sich so sehr, wie ich es noch nie gesehen habe. Mir ist also niemand böse. Davor hatte ich ja beinah die größte Sorge.

Nachdem mein Milchbar-Spezialist noch schnell den Milchpegel ausgiebig gecheckt hat, war es das auch schon mit der Geschichte der ersten Trennung über mehrere Stunden und eine Nacht.

Und mein Fazit

Was soll ich sagen? Die großen Sorgen im Vorfeld waren unnötig. Einfach geschehen lassen. Im schlimmsten Fall kann man das Ganze ja auch einfach abbrechen.

Wir drei haben das ziemlich toll gemeistert und allen ging es gut damit. Ziemlich schön zu wissen, dass wir das nun durchaus ab und an mal machen können.

Übrigens: Ich habe mich sehr bewusst dafür entschieden, diese erste lange Trennung möglichst weit hinaus zu zögern. Warum? Ich halte es für das Gesündeste für Mutter und Kind, wenn beide so viel Nähe wie möglich teilen. Das nährt die Bindung zwischen beiden und stärkt das Urvertrauen zueinander.
Und eben dieses wunderbare Urvertrauen hat mir die Sicherheit gegeben mein Kind ein ganzes Wochenende ohne Mama die Welt entdecken lassen zu können.

In diesem Sinne,
fröhliches Übernachten!

Deine Mutter


Headerfoto: Nadine Kunath

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